Kurze Inhaltsangabe:
1607 geboren, liegen über der Kindheit und Jugend von Paul Gerhardt die
Schrecken des 30jährigen Krieges. Seinen Mitmenschen in ihrem Leid
und Elend Trost und Kraft zu geben, lassen ihn zum bedeutendsten evangelischen
Liederdichter nach Martin Luther werden.
Wer kennt nicht die Verse: "Geh aus mein Herz und suche Freud...";
"Nun ruhen alle Wälder..."; "Befiehl Du Deine Wege..."
oder "Oh Haupt voll Blut und Wunden...", jenem Choral, der vor
allem durch Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion bekannt geworden
ist.
Er war nicht nur ein begnadeter Liederdichter, sondern auch ein treuer,
unbeugsamer Bekenntnischrist: Paul Gerhardt, denn er ließ sich lieber
vertreiben als vom lutherischen Bekenntnis abzulassen. Er bekannte sich
von Herzen zum "Konkordienbuch", d.h. jenem Buch, in dem die
Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche zusammengefaßt
sind. (Den Namen hat dieses Buch nach der als letzter entstandenen großen
Bekenntnisschrift, der "Konkordienformel - = Formel der Eintracht).
Man konnte ihn nicht zwingen, gegen das Gewissen zu handeln und von diesem
Bekenntnis abzulassen.
Der Liederdichter Seine Lieder geleiten uns
durch das ganze Kirchenjahr. Eins der bekanntesten Adventslieder ist
»Wie soll ich dich empfangen«. Zu Weihnachten singen wir:
»Fröhlich soll mein Herze springen«, »Kommt und
laßt uns Christum ehren«, »Ich steh an deiner Krippen
hier« und »Wir singen dir, Immanuel« . Die Jahreswende
ist nicht denkbar ohne das Lied »Nun laßt uns gehn und treten«
. Zum Eingang in die Passionszeit singen wir gern: »Ein Lämmlein
geht und trägt die Schuld« . Unter das Kreuz von Golgatha
führt uns Gerhardt in seinem Lied »O Welt, sieh hier dein
Leben« . 7 seiner Passionslieder sind Nachdichtungen lateinischen
Hymnen. Das bekannteste dieser sog. "Salvelieder" ist »O
Haupt voll Blut und Wunden« . Zu Ostern jubeln wir: »Auf,
auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht!« .
Pfingsten feiern wir mit: »Zeuch ein zu deinen Toren«
Unter den Morgen- und Abendliedern
des Gesangbuches sind viele von ihm. Seine Kreuz- und Trostlieder sind
für jeden Christen Lichtstrahlen im Dunkel der Anfechtung sein
und Quelle des Trostes und der Kraft, so zum Beispiel: »Befiehl
du deine Wege«, »Warum sollt ich mich denn grämen?«,
»Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens«.
Seine Sterbenssehnsucht und Heimweh nach dem himmlischen Vaterhaus kommt
in seinem »Pilgerlied« ergreifend zum Ausdruck: »Ich
bin ein Gast auf Erden«. >
Dies ist nur ein Teil der
Lieder, die Paul Gerhardt schuf. Wir besitzen von ihm einschließlich
seiner Gelegenheitsgedichte 133 Lieder. So wurde er durch seine Lieder
zum Seelsorger und Tröster ungezählter Christen.
Ein Leben voll von Anfechtungen
und Prüfungen
Im Blick auf Paul Gerhardts
Lebenslauf und auf seine trostvollen Lieder wird meist daran erinnert,
daß es die Zeit des 30-jährigen Krieges war, in der er lebte.
Aber nicht nur die Kriegsnot brachte für ihn Anfechtungen und Prüfungen.
Paul Gerhardt wurde am 12.
März 1607 in Gräfenhainichen (bei Wittenberg) als Sohn eines
Bürgermeisters, Ackerbauers und Gastwirts geboren. Sein Vater starb
jedoch schon, als Paul Gerhardt selbst gerade erst 12 Jahre alt war.
Zwei Jahre später verstarb auch seine Mutter. Von 1622 an besuchte
er die Fürstenschule in Grimma und begann 1628 mit dem Studium
der Theologie in Wittenberg. Wo er sich in den Jahren 1628-42 aufhielt,
ist unbekannt. Ende 1651 wurde er Propst in Mittenwalde bei Berlin und
Inspektor der umliegenden Landpfarreien. Er heiratete 11. 2. 1655 Anna
Maria, geb. Berthold.
Man hat oft gemeint, seine
trostvollen Lieder seien aus der Not des dreißigjährigen
Krieges geboren. Gewiß mag die Erinnerung daran auch eine große
Rolle gespielt haben. Aber als dieser Krieg über Deutschland hereinbrach,
war Paul Gerhardt noch ein Kind. Die meisten seiner Lieder entstanden
erst in der späteren Lebensphase Paul Gerhardts. Es waren nicht
nur die Kriegsnöte, die ihn mit seinen Liedern zum großen
Tröster der evangelischen Christenheit machten, sondern die traurigen
Erfahrungen, die er als bekennender Christ in der Kirche seiner Zeit
machte.
Um des Bekenntnisses willen
angefeindet.
Im Sommer 1657 kam er nach
Berlin als Diakonus an St. Nikolai, gerade in der Zeit schwerer Lehrstreitigkeiten
zwischen den lutherischen und reformierten Theologen und Predigern Berlins.
Worum ging es da?
Oft wird bei der Schilderung
dieser Ereignisse der Eindruck erweckt, als seien es die bösen
Lutheraner gewesen, die dort ständig mit ihrer Rechthaberei auf
die calvinistischen Eindringlinge geschimpft und dadurch Streit erregt
hätten. Tatsächlich aber lagen die Anfänge dieser Auseinandersetzungen
schon lange vor dieser Zeit. Es hatte schon Tradition, daß die
Calvinisten dort, wohin sie kamen, stets versuchten, die Gottesdienste
und kirchlichen Ordnungen in ihrem Sinne zu verändern.
Die Calvinisten traten damals
nämlich den Lutheranern gegenüber mit der gleichen Überheblichkeit
auf wie dies die Vertreter "moderner", sog. historisch-kritischer
Bibelauslegung in heutiger Zeit gegenüber denjenigen Christen tun,
die die Bibel "noch immer" für Gottes Wort halten. Schon
Calvin hatte für sich den Anspruch erhoben, daß er eigentlich
Luther viel besser verstanden habe als Luther sich selbst. Im Katechismus
der Calvinisten ("Heidelberger Katechismus") wird die Frage
(78) "Wird denn aus Brot und Wein der wirkliche Leib und das Blut
Christi?" mit einem klaren "Nein" beantwortet und hinzugefügt:
"... so wird auch das heilige Brot im Abendmahl nicht der Leib
Christi selbst, auch wenn es nach Art und Gebrauch der Sakramente der
Leib Christi genannt wird." Und die Heilige Messe wird wenig später
"eine vermaledeite Abgötterei" genannt. Damit Sätze
richteten sich die Calvinisten nicht nur gegen die römische, sondern
gleichermaßen auch gegen die lutherische Messe.
Schon seit Jahrzehnten versuchten
calvinistisch gesonnene Prediger, auch in Berlin Einfluß zu gewinnen.
1613 war Kurfürst Johann Sigismund vom lutherischen Bekenntnis
abgefallen und zum Reformiertentum übergetreten. 1615 gab es in
Berlin einen Tumult. Der Auslöser war ein Bildersturm im damaligen
Berliner Dom. Ein Jahr zuvor war die Kirche den Lutheranern weggenommen
und den Reformierten, den Calvinisten eingeräumt worden, obwohl
es von ihnen nur eine Handvoll in Berlin gab, im wesentlichen nur die
Hofleute und der Hofprediger reformierter Abkunft.
Die Calvinisten entfernten
aus dem alten Berliner Dom damals den ganzen kostbaren Bilderschmuck,
rissen die Kruzifixe heraus und zerschlugen die Bilder, deren Trümmer
sie in den Fluß warfen. Sie zerschlugen den Taufstein und beseitigten
die Altäre. Sie ließen das Gotteshaus kahl und leer bis auf
einen einfachen Tisch im Chorraum. Darauf haben sich die damals mehrheitlich
lutherisch gesonnenen Berliner - die waren auch noch fromm damals! -
mit öffentlichem Tumult gewehrt.
Über die Jahre hin versuchten
sich die Calvinisten immer mehr durchzusetzen und wurden darin vom Kurfürsten
unterstützt. So steigerten sich die Auseinandersetzungen - noch
verschärft dadurch, daß Friedrich Wilhelm, der Große
Kurfürst, die Verpflichtung der Pfarrer auf die »Konkordienformel«
bei der Ordination aufhob, und den Geistlichen mit der Erneuerung eines
Ediktes vom Jahre 1614 verbot, auf den Kanzeln darüber zu sprechen.
Er verbot seinen Landeskindern das Studium der Theologie und Philosophie
in Wittenberg.
Paul Gerhardts Bekenntnistreue Im Sommer 1657 kam Paul Gerhardt
nach Berlin als Diakonus an St. Nikolai. Er arbeitete vorzügliche
lutherische Gutachten aus für das von dem Großen Kurfürsten
ausgeschriebene Religionsgespräch zwischen den lutherischen und
reformierten Predigern Berlins.
Fünf Jahre verwaltete
Gerhardt friedlich sein Amt an St. Nikolai, angesehen und beliebt in
allen Kreisen, dann trafen ihn die Ereignisse, die entscheidend in sein
äußeres und inneres Leben eingreifen sollten. Zwar waren
Glaubensfreiheit und Gleichstellung beider Bekenntnisse zugesichert,
aber es konnte unter dem Übergewicht des Hofes nicht ausbleiben,
daß der Einfluß der Reformierten beständig zunahm.
Die Gegensätze verschärften sich, die Kampfstimmung in beiden
Lagern wuchs. Das ging in Berlin so lange, bis der Kurfürst offen
für die Reformierten Partei ergriff und die lutherischen Geistlichen
zu Toleranz und Anerkennung der reformierten Lehre verpflichtete, und
zwar durch Edikte, die angeblich den Kirchenfrieden wiederherstellen
sollten (!). Zur Toleranz waren die Lutheraner bereit, die zweite Forderung
jedoch ging ihnen gegen das Gewissen. Sie konnten die Echtheit des evangelischen
Glaubens nur in der Form der lutherischen Lehre anerkennen, wie sie
in den Bekenntnisschriften niedergelegt war. Von der darin niedergelegten
unverfälschten Lehre des Wortes Gottes konnten sie um kein Jota
abweichen. Hatte man in den jahrzehntelangen Glaubenskriegen deshalb
gekämpft und gelitten, um nun doch noch den reinen Glauben angefochten
zu sehen? Jedes Zurückweichen wäre in ihren Augen schimpflich
und feige gewesen. Hatte doch auch Luther, als es darauf ankam, nicht
nachgegeben.
Die Forderung, die der
Kurfürst stellte, war außerdem sehr einseitig. Denn von seinen
Reformierten verlangte er keine entsprechende Erklärung und: War
man sicher, daß dem ersten Nachgeben nicht noch weitere Forderungen
folgen würden? Auf Despoten war noch nie ein sicherer Verlaß!
Auf Grund der Verpflichtung
auf die Konkordienformel, die Paul Gerhardt aus innerer Überzeugung
eingegangen war, konnte er die kurfürstliche Verordnung nicht durch
seine Unterschrift anerkennen, wie von ihm verlangt wurde.
Auch hatte er im Auftrage
des Konsistoriums Berichte und Eingaben an den Kurfürsten mitverfaßt
und mitunterzeichnet und stand dadurch als einer der Wortführer
der Unerschütterlichen in deren vorderster Reihe. Diese Schriften
lassen ihn als sattelfesten Theologen, gewandten Dialektiker und klaren,
logischen Denker erkennen.
Nach langem Hin und Her hatten
dann aber die meisten Pfarrer doch unterschrieben, sicherlich schweren
Herzens, aber sie dachten an Amt und Brot, Familie und Kinder. Die anderen
wurden 1666 ihres Amtes entsetzt, einige sogar aus dem Lande verwiesen.
Auch Paul Gerhardt wurde deswegen am 13. 2. 1666 seines Amtes entsetzt,
aber am 9. 1. 1667 wegen der vielen Bittschriften und Bemühungen
der Bürgerschaft und des Magistrats, der »Gewerke«
und der märkischen Landstände wieder in sein Amt eingesetzt.
In diesen Bittschriften hieß es über ihn u.a.: " ...
er hat alle und jede Zeit zum wahren Christentum durch Leben und Lehre
geführt und keine Seele mit Worten oder Werken angegriffen. Was
würde denn aus uns oder unserer Stadt endlich werden, wenn wir
die Frommen nicht behalten und, so mit ihrem Gebet bisher noch gegen
den Zorn Gottes gestanden, nicht mehr bei uns haben sollten?"
Paul Gerhardt konnte aber
seiner Wiedereinsetzung nicht recht froh werden, weil ihm die Unterschrift
zwar erlassen war, der Kurfürst aber von ihm erwartete, daß
er sich auch so den Verordnungen fügen werde. Praktisch bedeutete
dies die Anerkennung der kurfürstlichen Maßnahmen auch ohne
Unterschrift. Darum nahm Gerhardt zwar seine Amtsgeschäfte wieder
auf, aber nicht die Predigttätigkeit, so daß sich der Magistrat
an den Kurfürsten wandte mit der Bitte, er möchte ihm den
Gehorsam gegen die Verordnungen erlassen und ihm gestatten, bei allen
lutherischen Bekenntnisschriften, namentlich der Konkordienformel, zu
verbleiben und nach ihr seine Gemeinde zu unterweisen. Da der Große
Kurfürst auf diese Bitte nicht einging, mußte Paul Gerhardt
um seines Gewissens und Bekenntnisses willen im Februar 1667 auf sein
Amt verzichten.
Für Gerhardt verwendeten
sich Kollegen und Magistrat in einer fast flehentlichen Eingabe an den
Landesherrn. Der aber, wie zu erwarten, bestand auf der Unterschrift.
Aber auch Gerhardt blieb fest. Gegen sein Gewissen zu entscheiden, war
ihm unmöglich. Wenn man in den wenigen von ihm erhaltenen Briefen
nachliest, erkennt man, welche Gewissensnot ihn heimgesucht hat, wie
groß die Bitterkeit und wie schwer die seelische Belastung gewesen
waren, die er siegreich überstanden hatte.
Paul Gerhardt blieb in Berlin,
ohne Amt, doch auch nicht untätig, auch nicht mittellos. Die Frucht
der freien Jahre waren seine reifsten Lieder. Und so dürfen wir
über das Ergebnis der Krise von Herzen dankbar sein.
Das Leben ging weiter. 1669
bot ihm Lübben in der Lausitz die Stelle des Archidiakonus an.
So verließ er Kurbrandenburg und kehrte nach Kursachsen zurück.
Noch in Berlin, 1668, hat er seine treue Hausfrau begraben müssen;
von mehreren Kindern war nur ein Sohn übriggeblieben, der ihn überlebt
hat. Bis zum Tode am 27. Mai 1676 hat er in dem kleinen, Spreewaldstädtchen
gewirkt, still und bescheiden, wie es seinem Wesen entsprach.
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